Gesellschaft

Ein Versuch, im kollektiven Wahn vernünftig zu bleiben. Es gibt eine neue Globalisierung. Die Globalisierung einer verrückten Terror- und Kriegshysterie. Begleitet wird diese vom Erstarken politischer Kräfte, die viele Formen von Aggression oder Hass predigen.

Diese wachsende Abneigung wird durch ein ganzes Sammelsurium von Ängsten befeuert. Hier gilt es, Mitgefühl und Vernunft, wie sie der buddhistischen Lehre eigen sind, ganz besonders zu betonen und so vielleicht etwas besänftigend zu wirken.

 

Die Medien spielen vielfach souverän auf der Klaviatur der Vorurteile, die unaufhörlich neue Ängste beschwören.

 

Hierzu sind als Zugang ein paar grundsätzliche Überlegungen hilfreich. Jeder erlebt die Vergänglichkeit des Lebens alltäglich am eigenen Leib, an den eigenen Gedanken und der unmittelbaren Alltagssituation. Gegen diese Vergänglichkeit einen Ich-Zaun zu errichten, der Dinge, Menschen und Gedanken gegen Veränderung schützen möchte, ist vergeblich und führt nach buddhistischer Analyse notwendig zu Leiden. Woraus besteht dieser Ich-Zaun? Aus einer Fülle von irreführenden Gedanken, von Vorurteilen. Sie versucht man festzuhalten, liefern sie doch ein Weltbild, das nicht bei jeder Veränderung erneut nach Ursachen, nach Zusammenhängen zu fragen braucht. Alles, was diesen so gefestigten Erwartungen widerspricht, bedroht das Ego-Territorium. Die zugehörige Empfindung ist Angst. Und sie schlägt rasch um in Aggression, gar in Hass auf das, was vermeintlich den eigenen, den gewohnten und verfestigten Gedanken widerspricht. Und es ist kein Geheimnis, dass Organisationen, ja ganze Staaten, diesen Zusammenhang für allerlei PR und Propaganda geschickt nutzen. Die Medien spielen vielfach souverän auf der Klaviatur der Vorurteile, die unaufhörlich neue Ängste beschwören und die Vernunft sowie das Mitgefühl lahmlegen. Hierbei werden die tieferen Ursachen für Geschehnisse wohlfeil ausgeblendet oder verschwiegen. Auffallend ist, dass sich die Logik gegensätzlicher Denksysteme hierbei aufs Haar gleicht. Man erlebt etwas, irgendein Ereignis, als Bedrohung, als Gewalt. Folglich, so der irrende Gedanke, muss man mit Drohung und Gewalt antworten. Geflissentlich wird hierbei ausgeblendet, dass vieles von dem, was man nachteilig oder schmerzhaft erlebt, das Resultat eigenen, früheren Handelns ist. Das ist der ganz einfache Sinn von ‚Karma‘.

 

Der Versuch, ein Unglück militärisch zu begrenzen, führte zu weit größerem Elend.

 

Ich möchte diesen Zusammenhang anhand aktueller Ereignisse etwas genauer illustrieren. Obgleich dies selbstredend für alle an Konflikten beteiligten Seiten gilt, scheint es mir sehr wichtig, hierbei den je eigenen Anteil, unser eigenes vergangenes Handeln (privat oder im Staat), hervorzuheben. Ich greife zunächst die Flüchtlingskrise auf. Viele Flüchtlinge kommen aus Osteuropa, aus dem früheren Jugoslawien. Ohne hier in Details zu gehen, ist doch offensichtlich, dass der in den 1990er Jahren dort tobende Bürgerkrieg erst durch den – völkerrechtlich nicht legitimierten – Angriff der NATO gewaltige Flüchtlingsströme hervorbrachte. Das Resultat sind heute elend verbliebene ‚Reststaaten‘, aus denen weiterhin Menschen fliehen. Der Versuch, ein Unglück militärisch zu begrenzen, führte zu weit größerem Elend. In Afghanistan, im Irak, in Libyen und heute vor allem in Syrien vollzieht sich das gleiche Szenario. Nichts hat den weltweiten, oftmals islamisch verbrämten Terror mehr gefördert als der Anti-Terror-‚Krieg‘. Eine Untersuchung besagt, dass in Syrien mit jedem getöteten Terroristen (gleich, welcher ‚Farbe‘ oder Sekte) rund 50 Zivilisten mit getötet werden. Bei der Jagd auf Terroristen (vorwiegend in Pakistan) töteten die USA mit Drohnen eine vielfache Zahl an Zivilisten. Es nimmt nicht wunder, dass man viele Verwandte der betroffenen Familien später als neue Terroristen wiederfindet. Dass Menschen vor solchem Horror, den die USA, Russland, Großbritannien, die Türkei, Frankreich und nun auch Deutschland mitinszenieren, die Flucht ergreifen, darf niemanden verwundern. Es ist ein einfacher Akt des Mitgefühls, hier als Verursacher der Flüchtlingsströme auch die Verantwortung für sie zu übernehmen, wie unbequem das im Einzelfall auch sein mag.

Eigentlich sind diese Zusammenhänge weitgehend bekannt und tauchen so auch in den Mainstream-Medien auf. Doch hier wäre ein wenig tiefer zu blicken. Die Ängste der Betroffenen in den genannten Kriegsregionen führen entweder zur Flucht oder sie finden in einem Denksystem eine neue Heimat, das Hass predigt und diese Ängste als Energie für Gewaltakte ausbeutet. Gewiss, dieser Hass hat im Nahen Osten vor allem auf eine fundamentalistische Variante des Islam zurückgegriffen. Doch daraus nun zu folgern, der Islam sei die Ursache, ist unsinnig, auch wenn es so von radikalen Parteien in Europa oder von US-Präsidentschaftskandidaten aggressiv verbreitet wird. Gar auf die Selbststilisierung von Daesh (‚Islamischer Staat‘) als Staat hereinzufallen mit dem Argument, ein Staat habe bei den brutalen Terroranschlägen in Paris einer Nation, womöglich ganz Europa, den Krieg erklärt, den man mit einem ‚Verteidigungskrieg‘ zu beantworten habe, ist entweder eine große Dummheit oder ein PR-Trick. Die Attentäter kamen aus Belgien und Frankreich, nicht aus Syrien. Die behaupteten Attentäter vom 11. September 2001 stammten aus Saudi-Arabien, nicht aus dem Irak. Zahlreiche weitere Beispiele lassen sich für diese ideologisch inszenierte Zuschreibung falscher Ursachen finden.

 

Waffen zu produzieren und zu verkaufen gilt als ‚gewöhnliches‘ Geschäft.

 

Was heißt das? Kriegs-‚Gründe‘ werden fast immer konstruiert, nicht selten auch gefördert, weil die Kriegsziele längst geplant sind und nur auf einen aktuellen Anlass warten. Es sind also irreführende Gedanken, gepaart mit geschürten oder künstlich erzeugten Ängsten, die die Zustimmung der Bevölkerung für eine Gewaltpolitik erringen.

Nehmen wir die Terrorakte von Paris als Beispiel. Wenigstens eine der Waffen – wie jüngst bekannt wurde –, die von den Terroristen benutzt wurden (eine halbautomatische M92), wurde von einem US-Waffenhändler aus Florida verkauft, einem Händler, der schon einmal in den 1980er Jahren bei der Iran-Contra-Affäre als zentrale Figur identifiziert wurde. Hergestellt werden diese von den Terroristen benutzten Gewehre übrigens von einer serbischen Waffenfabrik, die betont, ganz im Einklang mit internationalem Recht Waffen zu liefern. Zahlreiche von Terroristen benutzte Waffen stammen von europäischen oder US-amerikanischen Waffengeschäften mit dem Nahen Osten. Waffen zu produzieren und zu verkaufen gilt als ‚gewöhnliches‘ Geschäft. Gerade Deutschland tut sich hier besonders hervor. Hinter der demonstrierten friedlich-politischen Seite Europas verbirgt sich eine tödliche Rückseite.

 

Die mediale Kriegsvorbereitung arbeitet vor allem mit einer völlig verzerrten Darstellung der Risiken von Terrorakten.

 

Terrorakte werden als bösartiges Verhalten, das aus einer irrationalen Ideologie hervorgeht, wahrgenommen. Tatsächlich ist dieser Terrorismus aber nur die Antwort auf die Zerstörung ganzer Staaten (Jugoslawien, Irak, Libyen, Syrien, Afghanistan) durch einen Kriegsterrorismus westlicher Staaten. Hier stehen sich zwei gänzlich unvernünftige, durch Gier und Angst geschürte Geisteshaltungen gegenüber, die ihre jeweilige Kultur (Aufklärung versus Islam) nur als ideologische Hülle vorschieben. Der Versuch, die an der Oberfläche erscheinende Wirkung – die Gewaltakte, die islamistische Propaganda – mit denselben Mitteln – durch Militär und Gegenpropaganda – zu bekämpfen, hat die Gewaltspirale und das Elend von Millionen Menschen nur vertieft.

Die mediale Kriegsvorbereitung arbeitet vor allem mit einer völlig verzerrten Darstellung der Risiken von Terrorakten. In den letzten zehn Jahren lag die Zahl der Terroropfer in Europa deutlich unter 1.000, weltweit unter 8.000. Das Risiko, Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist signifikant niedriger als das Risiko, an einer Pilzvergiftung zu sterben. Gewiss, das tröstet die Opfer, ihre Angehörigen und die Betroffenen zum Beispiel in Paris sicher nicht. Aber es verbietet sich, aus einem aktuellen Anschlag eine Angst zu züchten, die in jeder Hinsicht die tatsächliche Gefahr maßlos überzeichnet. Charakteristisch war der Titel der Talk-Show von Maybrit Illner am 26.11.2015 im ZDF: ‚Angst, Panik, Krieg – Alte Antworten auf den neuen Terror?‘ Ja, es sind die alten Antworten, aber auch der alte Trick, Angst medial zu generalisieren und zu multiplizieren. Diese ‚alten Antworten‘ haben stets nur neue Gewalt, neue Ängste und spätere Kriege hervorgerufen. Wenn solche Ängste dennoch geschürt werden, so verbirgt sich dahinter nicht der aktuelle Anlass, sondern weiter gehende, nicht öffentlich ventilierte Interessen: den politisch-militärischen Einfluss im Nahen Osten zu erweitern, die Kontrolle über die Ölreserven zu erhalten (weshalb man in Saudi-Arabien eine durchaus terroristisch zu nennende Monarchie freundschaftlich duldet) und nicht zuletzt die globalen Konkurrenten Russland und China aus politisch-ökonomischem Interesse zurückzudrängen.

 

Angst unterbindet alle Gesprächsbereitschaft.

 

Dennoch bleibt ein Gedanke natürlich richtig: Wenn man lange genug Ängste schürt, auf der Grundlage dieser Ängste kriegerische Aktionen in ferne Länder trägt, diese Länder zerstört und dadurch Flüchtlingsströme auslöst – nun, dann ist sicher nicht auszuschließen, dass die so begünstigte Gewalt irgendwann auch in weit größerem Ausmaß Europa oder die USA erreicht. Aus zerstörten Ländern fliehen wohl ganz überwiegend Menschen aus purer Not. Doch es werden sich früher oder später auch radikale Kräfte unter sie mischen. Deshalb ist es so wichtig, die Ursachen zu bekämpfen, und nicht, die Wirkungen militärisch bewältigen zu wollen. Das heißt: Beendigung aller Waffenlieferungen in solche Regionen, Kontrolle des Waffenhandels und Austrocknen der Finanzquellen für Terroristen. Doch das wird nur wirksam, wenn man auch die verschiedenen Schattierungen radikaler Gruppen als Menschen wieder ernst nimmt und mit jenen, die gesprächsbereit sind, auch wirkliche Verhandlungen aufnimmt. Angst unterbindet alle Gesprächsbereitschaft. Aber Angst ist selten etwas Ursprüngliches. Sie wird meist durch verwirrte Gedanken hervorgerufen und verstärkt. Allen Dingen, so lehrte der Buddha, geht der Geist voran. Deshalb gilt es, die Achtsamkeit wieder auf das Denken, auf die Motivation umzulenken, erst das erreicht die eigentliche Ursache all dessen, was wir weltweit an Gewalt und Wahnsinn beobachten.

Das klingt nur im ersten Augenblick naiv. Denn alle ‚Begründungen‘ für Handlungen, die dem Hass begegnen wollen und sich dabei auf eigene Ängste stützen, vergessen das Beste an der abendländischen Kultur: Vernunft, Offenheit und Toleranz. Wer Kriege führt, wer Waffen herstellt und verkauft, wer Ängste aus Interesse an Sensationen durchaus gewinnträchtig in den Medien erzeugt und schürt, der liefert vielfältige Ursachen für das, was dann als Gewalt und Irrationalität in anderer Gestalt zurückschlägt. In Wahrheit spiegeln die jüngsten Gewaltakte nur als Fratze zurück, was imperiale Arroganz, was wirtschaftliche Verwüstungen durch die globalen Finanzmärkte, was die Zerstörungen durch Kriege in den letzten Jahrzehnten an Gewaltpotenzial gezüchtet haben. Nur wenn wir Gewalt durch Gespräch, Aggression durch Mitgefühl – wenigstens in kleinen Schritten – ersetzen, kann die eigentliche Ursache für die bedrohliche Entwicklung der jüngsten Zeit bekämpft werden.

Die Vergänglichkeit des Lebens bleibt eine unaufhebbare Wahrheit. Sie aber durch Gedanken, die von Geld- und Machtgier geleitet werden und sich in vielen verharmlosenden ideologischen Kleidern verstecken, noch zu beschleunigen, ist sicher nicht vernünftig. Wenn man die westlichen Werte wie Toleranz und Vernunft also tatsächlich verteidigen will, dann nur dadurch, dass man sie auch aktiv lebt und vor allem zuerst den eigenen Geist kritisch betrachtet, ehe man anderen Irrationalität vorwirft. Da die Politik und die Staatenlenker inzwischen anscheinend kollektiv einem neuen Kriegswahn verfallen, ist es an jedem Einzelnen, Achtsamkeit und Mitgefühl nicht dem Rausch kollektiver Ängste und Aggressionen zu opfern, sondern zu widersprechen. Als Einzelne sind wir gar nicht allein, sondern durchaus sehr viele, die Vernunft und Frieden höher schätzen, um Kriegseinsätzen durch massenhaften Protest auf Europas Straßen zu widersprechen.

Es gibt eine Alternative zu Angst und Hass.

Prof. em. Dr. Karl-Heinz Brodbeck war bis 2014 Professor für Wirtschaftswissenschaften an der FH Würzburg und der Hochschule für Politik, München. Er ist Dharma-Praktizierender seit über 35 Jahren, beeinflusst vor allem durch Theorie und Praxis des Mādhyamaka-Systems. Zahlreiche Publikationen, unter anderen ‚Buddhistische Wirtschaftsethik‘ (2. Auflage, 2011); ‚Die Herrschaft des Geldes‘ (2. Auflage, 2012); ‚Säkulare Ethik‘ (2015).

 

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