Gesellschaft

Johan Galtung, international anerkannter norwegischer Friedensforscher und Entwickler einer Methode zur Konflikttransformation, spricht über Ärger auf internationaler Ebene, seine Sicht auf den Syrienkrieg und warum das Millet-System des Osmanischen Reiches ein Vorbild für Syrien sein kann.

Man sieht Sie als Gründervater der Friedensforschung. Eine Frage, die Sie sicher schon sehr oft gestellt bekommen haben: Was ist Friedensforschung und welche Ziele verfolgen Sie?

Die Friedensforschung ist eine 50 Jahre alte Disziplin, welche einen hohen Bekanntheitsgrad hat. Es geht um zwei zentrale Begriffe: ‚Negativer Frieden' und ‚Positiver Frieden'. ‚Negativer Frieden' bedeutet, Gewalt zu vermeiden durch Konfliktlösung und Trauma-Versöhnung. Dem Begriff ‚Positiver Frieden' liegt die Zusammenarbeit zu einem gemeinsamen und gleichen Nutzen zugrunde. Gleicher Nutzen bedeutet Empathie, in dem Sinne, dass man die anderen Parteien verstehen lernt. Dies ist eine genaue Definition von Friedensforschung, wie ich sie betreibe, mit vielen wichtigen Komponenten.

Am Beispiel von Syrien, wie könnte man internationalen Ärger bereinigen?
Es gibt in Syrien gleichzeitig sieben unterschiedliche Konflikte. Diese Konflikte sind sehr kompliziert und ich möchte ungern nur oberflächlich darüber reden. Obama und Assad sind nur ein kleiner Teil dieses Konfliktsystems. Dieser Teil des Konfliktes setzt sich mit Demokratie und Diktatur auseinander. Den Hintergrund des Konflikts hat Obama überhaupt nicht verstanden, und zwar, dass Syrien eine alte Kolonie ist. In den Kolonien hat man Grenzen gezogen und innerhalb dieser Grenzen alle möglichen Bevölkerungsgruppen in einen Staat eingesperrt und das war dann eine Kolonie. In Syrien gibt es ungefähr acht unterschiedliche Nationen. Wenn man in diesem Staat gerne Demokratie hätte, gemäß dem Prinzip ‚eine Person – eine Stimme', erreicht man die Gesamtheit der unterschiedlichen Nationen nicht. Dies wäre nur Demografie, nicht Demokratie. Die Lösung für Syrien würde Föderalismus heißen. Demokratie ohne Föderalismus macht überhaupt keinen Sinn in Syrien. In der Schweiz zum Beispiel wäre Demokratie ohne Föderalismus auch nicht vorstellbar. Föderalismus wäre also eine wichtige Sache für Syrien.

 

„Den Hintergrund des Konflikts hat Obama überhaupt nicht verstanden, und zwar, dass Syrien eine alte Kolonie ist."

 


Jetzt zu den anderen Konfliktparteien. Israel und teilweise die Vereinigten Staaten wollen Syrien in Kleinstückchen spalten, weil sie Syrien als Bedrohung für Israel sehen. Wenn jetzt zum Beispiel Föderalismus in Syrien entstünde und der Staat würde mit seinen jetzigen Grenzen bestehen bleiben, würde dies im Gegensatz zu dem stehen, was Israel und die Vereinigten Staaten eigentlich wünschen, und zwar das Verschwinden Syriens durch Fragmentierung. Israel und die Vereinigten Staaten wünschen eigentlich genau dasselbe für den Iran, aber das werden sie niemals kriegen, denn der Iran ist keine alte Kolonie, deswegen ganz unterschiedlich zu Syrien, da die Bevölkerung unter anderem historisch zusammengewachsen ist.
Eine weitere wichtige Konfliktpartei ist die al-Qaida. Die al-Qaida verfolgt das Ziel, das Land zu übernehmen. Es gibt hier somit einen Konflikt zwischen all den schon besprochenen Konfliktparteien, einbezogen die offizielle Opposition in Syrien und die al-Qaida. Man muss auch verstehen, was die al-Qaida ist. Die al-Qaida ist eine arabische Sunni-Bewegung. Es gibt in Syrien jedoch eine Menge Menschen, die keine Araber sind, wie die Kurden, die Türken, die Juden und die Christen. Die al-Qaida-Anhänger würden gerne das Land übernehmen. Wenn man eine Wette abschließen würde, ich mache das ungern, dann glaube ich jedoch, dass der Sieger letztlich die al-Qaida sein dürfte. Dadurch würde es direkt zum nächsten Konflikt kommen. Dieser Konflikt wäre dann zwischen Großstaaten. Wieder ist es selbstverständlich eine Fragestellung von USA, Frankreich, Großbritannien auf der einen Seite sowie China und Russland auf der anderen Seite. Am Ende ist da noch der wichtigste Konflikt und der ist innerhalb der Bevölkerung, zwischen den Menschen allgemein bezüglich der direkten Gewalt an sich. Wenn man diesen Konflikt gerne lösen möchte, müsste man mit allen Teilnehmern, allen Konfliktparteien reden und dann versuchen, eine Lösung zu finden. Ich glaube, ein wichtiger Teil der Lösung wäre die alte osmanische Lösung, die sogenannte ‚Millet'. Nach diesem Verfahren hätten alle Nationen innerhalb Syriens – wie während des Osmanischen Reiches – höhere Autonomie. Es gibt in Syrien eine Menge von großen und kleinen, sagen wir, religiösen Minoritäten, die hätten dann eine relative Autonomie. Mein Vorschlag wäre ein Parlament mit zwei Kammern. Eine Kammer für die Provinzen, geografisch, und eine Kammer für die Nation. Man würde also zwei Stimmen abgeben. Wenn Sie das alles mitgedacht haben, dann haben Sie eine Friedensforschungslösung. Ich würde daher sagen, dass die Organisation und der Verlauf der Konferenz in Genf das Scheitern vorprogrammiert haben.

 

„Die Lösung für Syrien würde Föderalismus heißen."

 

Wie sehr werden Sie in solche Lösungen eingebunden?
Man ist weit davon entfernt, mich in solche Lösungen einzubinden. Die Vereinten Nationen laden normalerweise nur Regierungen ein. Auch die Vereinigten Staaten sind sehr regierungsorientiert. Jedoch gibt es hier eine Menge von beteiligten ‚Nicht-Regierungen', wie zum Beispiel die al-Qaida. Die al-Qaida einzuladen wäre außerhalb des Interesses der Vereinigten Staaten. Aber wie wollen sie Frieden erreichen, ohne alle Konfliktparteien einzubinden? Der Friede in Syrien hat sonst keine Chance. Was man erreichen könnte, wäre ein Korridor für Nothilfe für die Bevölkerung. Diesen Korridor bekommt man jedoch nicht ohne Assad. Das Assad-Regime war eine Bedingung für den Erhalt dieser Kolonie nach der Unabhängigkeit – mit all den identitären Widersprüchen innerhalb dieser Kolonie. Denn plötzlich kam die Freiheit und diese Freiheit kam nicht als Demokratie, in der jeder eine Stimme besitzt, sondern es kam zur Diktatur. Es ist nach der Unabhängigkeit wie vorher, anders ist nur, dass der Diktator nicht in Paris oder London, sondern – wie jetzt – in Damaskus oder Bagdad sitzt. Der Diktator hat also eine unmögliche Sache übernommen, ein Land, das kein Land ist, einen Staat, der kein Staat ist, sondern ein Mischmasch von unmöglichen Sachen, die eingesperrt sind in einer alten Kolonie. Und dann waschen sich Frankreich und England die Hände und reden über Menschenrechte, diese Banditen, die dafür verantwortlich sind.

 

UW88 mit meditation zum weltfrieden

Johan Galtung

 

Das klingt sehr pessimistisch, Herr Galtung.
Dafür sind die alten Kolonialmächte verantwortlich. Die Osmanen hatten auch ein Imperium, aber sie waren sehr viel vernünftiger als die westlichen Kolonialmächte. Sie waren eine Familie der Nationen. Deswegen hat das Osmanische Reich über 400 Jahre gedauert. Die westliche Vormacht hielt im Vergleich dazu nur knapp 100 Jahre, was auf ihre Politik zurückzuführen ist.

 

„Es gibt keinen internationalen Ärger, das ist alles von den westlichen Medien organisiert."

 

Ist internationaler Ärger eigentlich das Gleiche wie der Ärger zu Hause, kann man das überhaupt vergleichen?
Es gibt keinen internationalen Ärger, das ist alles von den westlichen Medien organisiert. Es gibt Ärger in der Welt, aber wenn Sie die westliche Presse lesen, sind Sie unmittelbar schlecht informiert. Denn diese ist sehr stark gesteuert von den westlichen Interessen und Perspektiven, wir reden also gerade über die internationale Gesellschaft und damit meinen wir leider uns selbst. Ein Beispiel: Jetzt wird Russland isoliert. Russland und China stellen gemeinsam mit Indien die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung. Die westliche Presse kann man ganz einfach zur Seite lassen, weil sie die Welt reflexhaft eurozentrisch deutet. Es gibt im Internet selbstverständlich eine Menge von guten Sachen. Da gibt es nach wie vor Freiheit und damit habe ich nicht gesagt, dass Russland und China die Wahrheit gepachtet haben, sie haben ihre Wahrheit, genau wie die anderen ihre Wahrheit haben.

 

„Konflikttransformation ist, wie könnte man sagen, wie Medizin, man muss eine Menge wissen."

 

Sie haben eine spezielle Methode (TRANSCEND-Methode) zur Konflikttransformation entwickelt. Wie funktioniert diese und wo konnten Sie sie schon einmal anwenden?
Konflikttransformation ist kompliziert, das muss man lernen und dies macht man nicht an einem Nachmittag oder am Wochenende. Konflikttransformation ist, wie könnte man sagen, wie Medizin, man muss eine Menge wissen. Im Galtung-Institut für Friedenstheorie und Friedenspraxis in Baden-Württemberg kann man sich zum Mediator nach der TRANSCEND-Methode aus- oder weiterbilden lassen. Der Hauptbestandteil von Konflikttransformation ist, dass man mit allen Parteien dialogisch reden muss. Sehr wichtig sind anfangs nur Einzelgespräche mit den unterschiedlichen Konfliktparteien, aber niemals zusammen. Das ist einer der Hauptfehler, dass man die Konfliktparteien zu früh zusammenbringt. Dies ist auch ein weiterer Fehler der Friedenskonferenz in Genf. Danach muss man versuchen zu verstehen, was die Menschen wünschen. Meine Ausgangsfrage ist immer: „Wie schaut das Syrien aus, in dem Sie gerne leben möchten?" Oder: „Wie sehen die Vereinigten Staaten aus, in denen Sie gerne leben möchten?" Es geht darum, nicht die heutigen Vereinigten Staaten zu betrachten, sondern was für Vereinigte Staaten sie gerne haben möchten. Nach Beantwortung dieser Fragestellung versucht man dann, mit einem kreativen dialogischen Verfahren die legitime Zielsetzung zusammenzuführen. Ein Beispiel: Ecuador beanspruchte ein Gebiet in den Anden und Peru beanspruchte genau dasselbe Gebiet. Mein Vorschlag war also, das Gebiet zusammen zu revidieren, also ein ‚Kondominat'. Das war die Lösung und somit kam der längste Krieg in der lateinamerikanischen Geschichte zu einem Ende.

Sie haben in diesem Konflikt als Vermittler fungiert?
Ja, selbstverständlich, ich habe in ungefähr 150 Konflikten als Vermittler fungiert. 30 Vermittlungen davon sind ganz geglückt und 20 Vermittlungen davon stehen auf der Warteliste. Eine Konflikttransformation nimmt viel Zeit in Anspruch. Man muss dafür ein Bild entwickeln, wie eine Lösung aussehen kann, das können auch viele Experten nicht. Das Bild muss alle Parteien in Betracht nehmen, nicht nur die eigene. Das Erschaffen des Bildes hat viel mit Fantasie und Kreativität zu tun und ab einem gewissen Punkt im Dialog weniger mit Wissen.

 

„Mit Konfliktlösungen verschwindet der Ärger."

 

Schwindet der Ärger mit der Konflikttransformation?
Ärger und Wut sind selbstverständlich im Konflikt vorhanden. Menschen oder Staaten befinden sich im Konflikt, weil sie ihre Ziele nicht erreichen können. Der Ausweg aus diesem Ärger heißt Konflikttransformation hin zu allparteilich annehmbaren Lösungen. Mit derartigen Konfliktlösungen verschwindet gleichsam der Ärger. Es ist für mich ganz überraschend, wie schnell Ärger verschwinden kann, wenn man eine Konfliktlösung, die des Begriffes würdig ist, gefunden hat. Der Ärger verschwindet fast unmittelbar. Die Ecuadorianer und Peruaner zum Beispiel haben den Ärger fast unmittelbar vergessen. 54 Jahre lang haben sie alles versucht, um sich gegenseitig zu töten, aber kaum war eine Lösung gefunden, war der Ärger auch weg. Er ist verschwunden und man vergisst ihn schnell. Ich meine, dass Konflikte – und somit Ärger – niemals verschwinden, solange die Grundprinzipien von Lösungen nicht bekannt sind. Man kann zum Beispiel etwas abtreten oder einen Kompromiss machen, man kann sagen, wir sind versöhnt, aber ohne eine Konflikttransformation, die alle Beteiligte inkludiert, kommt der Konflikt mit hundertprozentiger Sicherheit zurück. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Johan Galtung, geboren 1930 in Norwegen, ist promovierter Mathematiker und Soziologe. Galtung gilt als Begründer der akademischen Disziplin der Friedensforschung. 1959 gründete er das International Peace Research Institute in Oslo, welches das erste Friedensforschungsinstitut Europas war. Galtung arbeitet im Rahmen von TRANSCEND International als international anerkannter Mediator, als Lehrender an über 30 Universitäten und verfasste zahlreiche Bücher und Artikel. Für seine Arbeit erhielt Galtung eine Vielzahl an Ehrungen, unter anderem den alternativen Nobelpreis und den Gandhi-Preis für seine Verdienste für den Frieden. Seit 2011 ist er Präsident des Galtung-Instituts für Friedenstheorie und Friedenspraxis mit Sitz in Deutschland. Aktuelles zur Arbeit Johan Galtungs erfahren Sie unter: www.friedenspraxis.de

 

Was ist die TRANSCEND-Methode?
TRANSCEND wurde 1993 von Johan Galtung und Fumiko Nishimura als Konflikt-Mediations-Organisation gegründet. Die Organisation hat in der Zwischenzeit über 400 Mitglieder in über 70 Ländern. Das Ziel von TRANSCEND ist eine friedlichere Welt, mit besonderem Augenmerk auf Mediationen, Bildung, Publikationen und Forschung. Die TRANSCEND-Methode zur Konflikttransformation besteht aus drei Schritten:
1.) In Dialogen mit allen direkt und indirekt involvierten Konfliktparteien sollen deren Ziele, Ängste und Anliegen ermittelt werden. Bei diesem Schritt ist es wichtig, dass die Parteien getrennt voneinander mit dem Mediator ihre Ziele erarbeiten.
2.) Unterscheidung zwischen legitimen Zielen, welche den menschlichen Grundbedürfnissen entsprechen, und nicht legitimen Zielen, welche sich den menschlichen Grundbedürfnissen widersetzen.
3.) Alle legitimen Ziele werden in der Folge zu einem gemeinsamen Nenner zu vereinen versucht. Es geht darum, mit Kreativität, Empathie und vor allem ohne Gewalt eine gemeinsame Lösung für eine nachhaltige, friedliche Zukunft zu finden.

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Kommentare   

# Petra Langenbach 2016-04-26 11:24
Vielen Dank für die gute Information. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass alle Verantwortlichen für den Friedensprozess sich mit dieser Methode auseinandersetzen und so lernen, dass wir alle ein gemeinsames Recht auf ein Leben und Liebe hier auf dieser Welt haben. Und der Weltfrieden beginnt immer zunächst bei mir selbst und meiner kleinen Welt um mich herum.
Danke, dass ich auch immer liebevolle Lösungen hier sehen und finden kann. Om Shanti. Frieden für alle Lebewesen. Frieden für die ganze Welt. Frieden im Herzen.
Petra Langenbach
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