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Es geht um das Ausschöpfen des ganzen Potenzials des Menschen, um die Überwindung der Isoliertheit und das Erlangen eines Zustandes von Harmonie.

Bevor ich das Buch des Psychoanalytikers und Gesellschaftskritikers Erich Fromm las, hatte ich ein starkes ‚Einssein mit dem All = Alleinsein’-Erlebnis bei der Meditation nach einer Hatha-Yoga-Stunde. Ich erklärte mir das damals als eine Art Rückerinnerung an mein Dasein im Mutterleib vor der Geburt. Vor zu spirituellen Auslegungen hatte ich, marxistisch geschult, damals eher eine Scheu. Aber so leicht ließ sich das Erlebte nicht in ein Erklärungskästchen sperren, ich suchte weiter und landete bei ‚Zen-Buddhismus und Psychoanalyse’.

Der Inhalt sprach mich deshalb an, weil es sich um eine gelungene Mischung der Beiträge der drei Autoren handelt, die auf eine Arbeitstagung über Zen und Psychoanalyse in Mexiko zurückgehen. Grundlage war eine Vortragsreihe von Dr. Suzuki über Zen, in meiner Wahrnehmung hauptsächlich Rinzai-Zen, die er in den USA gehalten hatte. In seinem Vortrag versuchte er, die Herangehensweise des Zen ungefähr 50 Wissenschaftern begreiflich zu machen. Seine Bilder sind klar, teilweise mitreißend und gleichzeitig für andere Wissenschafter annehmbar. Mir persönlich wurde damals erstmals, zumindest intellektuell, der Hintergrund für das Arbeiten mit einem ‚Koan’ als einem logisch unlösbaren Rätsel einsichtig.

Erich Fromm stellte in seinem Beitrag vor allem Parallelen und Ähnlichkeiten mit der Psychoanalyse als Methode dar, ohne aber zu behaupten, dass beides eins sei. Es geht ihm um das Ausschöpfen des ganzen Potenzials des Menschen, um die Überwindung der Isoliertheit und das Erlangen eines Zustandes von Harmonie. Das Dilemma besteht nach Fromm darin, dass der Mensch sein Leben leben muss und nicht von ihm gelebt wird.

Zudem weist er auf mehrere Ähnlichkeiten hin: „Bei beiden Systemen arbeitest du mit einem ‚Führer’ (mir gefällt ‚Lehrer’ hier besser), der schon die Erfahrung gemacht hat, die dem Schüler oder Klienten zuteilwerden soll. Der Zen-Meister – und das Gleiche gilt für den Psychoanalytiker – kann in sein Urteil Vertrauen haben, aber das bedeutet keineswegs, dass er dem Schüler sein Urteil aufzwingt. Er hat den Schüler nicht gerufen und hindert ihn nicht daran, ihn zu verlassen.“ Solche Beispiele von Berührungspunkten gibt es in dem Buch mehrere und sie haben mir die Angst genommen, mit dem Zen-Weg zu beginnen.

Richard de Martino, Religionswissenschafter an der Universität in Kyoto, zeigt vor allem auf, dass es nicht das Ego ist, welches ein Problem hat, sondern dass das Ego selbst das Problem ist.

Empfehlen kann ich das Buch allen, die eine gute Darstellung des Zen-Buddhismus in einer nicht-religiösen Sprache suchen, ebenso allen, die an Therapie interessiert sind und Erich Fromm mögen, der hier eine linke und spirituelle Sicht von seinem psychotherapeutischen Gesichtspunkt aus entwickelt!

HEINZ VETTERMANN ist Gemeinderat in Wien, Generalsekretär der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR), praktiziert Zen seit 15 Jahren bei Sanbo Kyodan und ist aktiv in den Netzwerken ‚Achtsame Wirtschaft’ und ‚Red Buddha’. Nähere Infos: www.vettermann.at

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