Achtsamkeit

Achtsamkeit ist der Weg zur Überwindung von Kummer und Sorgen. Was bewirkt die Ethik des Buddha, um unser Leben voller und glücklicher zu gestalten?

Achtsamkeit ist mittlerweile weit verbreitet und in spirituellen Kreisen gut bekannt. Manche Therapeuten meinen, es wäre die Erneuerung der angewandten Psychologie, und andere können das Wort Achtsamkeit schon nicht mehr hören. Selten wird jedoch erkannt, dass die Achtsamkeit als buddhistische Übung für Geist und Herz viele und viel tiefere Dimensionen hat, als oft gesehen und gelehrt wird.

Eine selten beachtete Dimension ist die Achtsamkeit als eine Form des bewussten Handelns und Denkens in Bezug auf ethische Werte. Für gewöhnlich wird Ethik und besonders religiös motivierte Ethik im Sinn von einzuhaltenden Geboten gesehen, deren Missachtung negative Folgen nach sich zieht. Oder deren Einhaltung ein ‚gutes‘ Leben garantiert. Auch in den buddhistischen Lehren finden wir solche Regeln, doch bei genauerer Betrachtung sind es keine Gebote, sondern Übungen der Achtsamkeit.

Die radikalen Lehren von Jesus oder Buddha zeigen uns solche Wege.

Es geht nicht so sehr um die Einhaltung von Regeln, sondern um die innere Arbeit an Einstellungen, am Bewusstsein und an Einsichten. Es geht um eine Art von Achtsamkeit, die zu einem ‚guten‘ Verhalten und daher zu einem guten Leben führt.

Der Charakter einer Übung besteht darin, dass ich etwas einübe, das ich lernen will, das ich entwickeln möchte. Für viele Menschen stellt sich jedoch die Frage: Kann ich überhaupt ein Leben führen, ohne in irgendeiner Weise zu töten, ohne Gewalt, ohne zu verletzen? Ich denke, die meisten Leser dieser Zeilen werden sagen, dass sie keine anderen Menschen absichtlich töten oder verletzen. Bei genauerer Betrachtung wird man aber feststellen, dass man, um sein eigenes Leben zu erhalten, immerfort andere Lebensformen ‚tötet‘ oder verletzt. Manchmal sagen Übende, die von bestimmten Lehrern aufgefordert werden, die buddhistischen Lebensregeln (Silas) auf sich zu nehmen, dass sie das nicht können, weil es nicht möglich ist, diese konsequent einzuhalten. Das ist allerdings ein falsches Verständnis, denn es geht nicht um ein absolut einwandfreies Verhalten. Es geht darum, eine Regel als Anlass, als Maßstab und Ausrichtung zu nehmen, um die Achtsamkeit in Bezug auf bestimmte und wichtige Gebiete des Lebens zu schulen. Das könnte mein Leben in dem Sinn zu einem besseren machen, indem es für die von meinem bisher unbewussten Verhalten betroffenen Wesen zu einem ‚guten‘ wird.

Alles ist nur geliehen.

Ein Beispiel: In vielen Gesellschaften und bei vielen Menschen herrscht die Überzeugung, dass es angebracht ist, andere Menschen, die nicht den eigenen Werten und Wünschen entsprechen, zu bekämpfen oder zu töten, dass ein gutes Leben nur möglich ist, wenn die ‚Störenden‘ endlich verschwinden. Tatsache ist, dass das noch nirgendwo auf Dauer funktioniert hat. Wenn uns nur diese eine Übung bewusst wäre, nämlich Töten und Gewalt nicht länger als langfristig erfolgreiche Übung zu sehen, sondern alles zu versuchen, das zu vermeiden, würde es in der Welt völlig anders aussehen. Das wäre eine echte Basis für ein ‚gutes‘ Leben.

Vielleicht denken wir jetzt, dass wir als demokratisch erzogene, kultivierte und aufgeklärte Menschen kein Problem mit der eigenen Gewalt haben. Nur leider stimmt das bei achtsamer Betrachtung nicht. Wenn ich zu interreligiösen Dialogen eingeladen bin, gibt es da oft die Meinung, dass man auf jeden Fall für den Frieden eintrete und die eigene Religion ohnehin ausschließlich eine Lehre des Friedens sei. Es sei denn, man würde von anderen bedroht und angegriffen, da müsse man sich doch wehren, da müsse man im Notfall auch töten. Wenn ich dann den Vertretern des Christentums sage, dass das aber nicht die Lehre und Haltung von Jesus ist, so werde ich manchmal als naiv oder weltfremd bezeichnet. Auch hier wird nicht verstanden, dass es den Weltenlehrern wie Jesus oder Buddha nicht um dogmatische Regeln ging, sondern um die Erweckung eines neuen, eines anderen Bewusstseins. Ist es möglich, in einer Situation der Bedrohung nicht in die alten Automatismen eines steinzeitlichen Verhaltens zu fallen, sondern neue Wege zu finden? Die radikalen Lehren von Jesus oder Buddha zeigen uns solche Wege. Sind wir bereit, selbst herauszufinden, was man bewirken kann, ohne zu Mitteln der Gewalt und des Tötens zu greifen? Das Problem liegt darin, dass wir nicht wissen, was dann geschieht. Können wir diese Unsicherheit aushalten, indem wir solchen Lehrern und ihren Worten vertrauen?

Eine Achtsamkeit, die uns zeigt, wie wir handeln und denken und welche Folgen daraus erwachsen.

Meine Erfahrung in diesem Leben ist es, dass gewalttätiges Verhalten langfristig nie zu einem guten Ergebnis führt, nimmt man jedoch das Risiko eines gewaltfreien Handelns auf sich, wird man oft von den positiven Folgen überrascht werden. Solange ich allerdings nur auf die Sicherung ‚meines‘ Lebens bedacht bin und nicht die Verbundenheit und das ‚Intersein‘ mit allen Wesen erfahre, ist das tatsächlich eine große Aufgabe und erfordert unseren ganzen Mut und enorme Kreativität.

Das gleiche Prinzip gilt für die weiteren vier buddhistischen Achtsamkeitsübungen. Die nächste empfiehlt uns, darauf zu achten, sich nur das zu nehmen, was einem gegeben ist. Oberflächlich gesehen geht es darum, nicht zu stehlen, bei tieferer Betrachtung stellt sich die Frage: Was ist einem wirklich gegeben, was ist wirklich Eigentum, über das man verfügen kann? Im Grunde ist eigentlich nichts unser Eigentum, mit dem wir umgehen können, wie wir denken. Alles ist nur geliehen. Wenn wir das wüssten, könnten wir mit den Schätzen dieser Erde nicht so verfahren, wie wir das tun. Wir würden wissen, dass wir die Gaben verantwortlich so behandeln müssen, dass wir sie gut an die zukünftige Generation weitergeben können. Viele unserer Vorfahren handelten in diesem Bewusstsein. Heute haben wir den Eindruck, dass wir diese Verantwortung vergessen haben und nur angesichts der sichtbaren und drohenden Umweltschäden langsam (vielleicht zu langsam) wiedergewinnen.

Die drei letzten Richtlinien sagen, man solle nicht lügen oder verletzend sprechen, man solle keine schädlichen sexuellen Handlungen ausführen und schließlich keine berauschenden Mittel nehmen, die den Verstand trüben. Die buddhistische Formulierung heißt in Bezug auf das Lügen: „Unrechte Rede zu vermeiden, diese Übung nehme ich auf mich.“ Ich habe bewusst eine zeitgemäße Formulierung verwendet, um zu zeigen, wie leicht man diese als Gebot wie im Christentum versteht und sie damit ihrer tieferen Bedeutung beraubt. Auch hier geht es darum, die Richtlinie als eine Brille zu verwenden, die uns hilft, unser Verhalten, unsere Muster zu erkennen, zu überprüfen und zu verändern.

Nur ein Leben in dieser Freiheit ist wahrhaftig ein ‚gutes‘ Leben.

Eine Frage bleibt noch: Warum oder wie sollen uns diese Übungen zu einem ‚guten‘ Leben führen? Dass es ‚gut‘ ist, Töten und Gewalt zu vermeiden, könnte man noch eher einsehen. Aber warum sollte ein ausschweifendes sexuelles Leben nicht ‚gut‘ sein, warum sollten berauschende Mittel nicht zu einem ‚guten‘ Leben gehören, besonders wenn solches Verhalten eine gesellschaftliche Norm geworden ist? Auch hier geht es darum, für diese enorm wichtigen Bereiche des Lebens, Sexualität und Berauschung jeder Art, ein Bewusstsein zu entwickeln. Eine Achtsamkeit, die uns zeigt, wie wir handeln und denken und welche Folgen daraus erwachsen. Einmal sagte eine Frau zu Thich Nhat Hanh: „Wir trinken hier in Frankreich gern unseren Wein, wir halten maß und ich sehe nicht, was daran schädlich sein soll. Es ist ein Teil unserer Kultur.“ Der große Lehrer sagte lächelnd. „Es mag sein, dass du dir nicht schadest. Aber denke daran, dass dein Verhalten viele junge Menschen dazu verführt, auch zu trinken. Und wie viele können das vielleicht nicht beherrschen. Denke über das Beispiel nach, das du gibst.“

Achtsamkeit hilft uns, mehr zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen, die zu einem guten Leben führen. Der Buddha sagt an einer Stelle, dass Achtsamkeit der einzige Weg ist, der zur Überwindung von Kummer und Sorgen führt. Damit ist gemeint, dass ein gutes Leben nur eines ist, das ein bewusstes Leben ist, dass die Einhaltung von ethischen Regeln noch keine Garantie für ein gutes Leben ist und schon gar nicht, wenn wir alle, die das nicht so gut einhalten, verdammen. Wenn wir jedoch die ethischen Empfehlungen zum Anlass nehmen, uns selbst und die Gesetze, von denen der Mensch bestimmt ist, zu erkennen, dann können wir uns in Richtung innere Freiheit bewegen. Nur ein Leben in dieser Freiheit ist wahrhaftig ein ‚gutes‘ Leben.


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