Achtsamkeit

Yoga und Achtsamkeit gehören zusammen und können weitreichende Folgen für unser gesamtes Leben haben.

Die neurowissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahre, so wie sie zum Beispiel von Rick Hanson, Daniel Siegel, Richard Davidson oder Linda Graham betrieben wurden, liefern eindrucksvolle Beweise dafür, dass Achtsamkeit das Nonplusultra ist, wenn es darum geht, Stress, Burn-out, Depression und Angststörungen wirksam zu lindern und es Menschen wieder zu ermöglichen, sich in ihrem Körper zu Hause und in ihrem Leben wohlzufühlen. Dazu lieferten uns vor allem Jon Kabat-Zinn mit seiner Mindfulness-Based Stress Reduction sowie Jack Kornfield und Sharon Salzberg eine Übungspraxis, die so gestaltet ist, dass jeder, der sein Leben mit mehr Achtsamkeit erfüllen möchte, in wenigen – mindestens jedoch acht – Wochen, in denen er sich eines spezifischen Trainings unterzieht, die Achtsamkeitsnetzwerke in seinem Gehirn signifikant zu verbessern vermag.

Die Forschungen konnten eindeutig belegen, dass Menschen nach einem solchen Training wesentlich ausgeglichener und resilienter sind, dass sie ihren Körper genauer wahrnehmen und angemessener – eben achtsamer – mit sich selbst und anderen umgehen.
Wenn wir achtsam sind, dann erfahren wir uns von Augenblick zu Augenblick in allem, was wir tun, denken und fühlen – und wissen idealerweise auch noch, wie wir uns dabei fühlen und was wir in unserem Sosein bei unseren Mitmenschen bewirken. Dabei geht es, entgegen aller Gewohnheiten, nicht um das Bewerten des Wahrgenommenen, sondern um das reine Gewahrsein all dessen, was ist.

Yoga ist bewusstes Tun.

Yoga ist bewusstes Tun – also auch bewusstes Denken und Planen. Im Yoga werden wir uns in Achtsamkeit unserer Gefühle bewusst und lernen, sie zu regulieren und zu modulieren. Denn es ist ein großes Anliegen jeder Yoga-Praxis, uns zu helfen, gleichmütiger und gelassener zu werden. Damit das möglich wird, ist es wesentlich, zu erkennen, wie wir uns selbst sehen, und unsere Ego-Zentriertheit allmählich in das Gefühl von Verbundenheit und Einssein zu wandeln. Um den Strategien unseres Egos auf die Schliche zu kommen und seine Macht zu schwächen, brauchen wir außerordentlich viel Achtsamkeit.
In einer achtsamen Yoga-Praxis steht das Tun an sich im Mittelpunkt gemäß der Ansicht, dass der Weg das Ziel ist. Das bedeutet für die Asana-Praxis, den Wahn der Selbstoptimierung und der nie endenden Perfektionierung bestimmter Haltungen oder ganzer Sequenzen, wie etwa der Serien im Ashtanga-Yoga, aufzugeben. Vielmehr geht es darum, bewusst zu erfahren, wie sich jedes Asana in seiner Einzigartigkeit anfühlt, was es ausdrücken will, was man als Übender damit ausdrückt. Es bedeutet auch, dass wir uns in jeder Haltung eine Balance zwischen Festigkeit und Anstrengung einerseits und Mühelosigkeit und Gelöstheit andererseits ermöglichen. Diese Balance drückt sich auch in der Körperspannung aus. Sie erlaubt, dass der Atem frei und ungehindert zu fließen vermag, und schenkt uns die Erfahrung, vollkommen bei und mit dem zu sein, was wir gerade tun.

Eine achtsame Yoga-Praxis ist in der Regel deutlich entschleunigt, denn wir brauchen Zeit, um uns auch in den einfachsten Asanas und Bewegungsabläufen in die Komplexität unseres Körpers einzuspüren und zu einer differenzierten Wahrnehmung unseres Selbst und unseres Übens zu gelangen.
Um zu verstehen, was ich meine, empfehle ich, einfach mal einen bekannten Bewegungsablauf – wie zum Beispiel den Sonnengruß – so zu entschleunigen, dass ein Durchlauf fünf Minuten und länger dauert. In dieser slow motion merken wir plötzlich, was wir machen: wo wir Kraft brauchen, wo wir loslassen können, wo wir im Gleichgewicht sind und wo es Dysbalancen im Körper gibt.
Damit übertragen wir gewissermaßen Prinzipien, die in der buddhistischen Praxis zum Beispiel als Gehmeditation bekannt sind, wo wir extrem langsam und ganz bewusst einen Fuß vor den anderen setzen, auf die Asana-Praxis.
Bezüglich der Atem-Achtsamkeit gibt es keine Unterschiede zwischen den vielfältigen buddhistischen Ansätzen und denen des Yoga. Es geht immer darum, bewusst und achtsam wahrzunehmen, wie der Atem kommt und geht – und uns der Vollkommenheit dieses Wunders des Geatmetwerdens zu überlassen. Um zu ermöglichen, dass wir uns ganz mit all unseren Vorstellungen und unserem Wollen zurückziehen, damit ‚der Atem sich selbst atmet‘, wie Jack Kornfield es ausdrückt, bedarf es genauer Beobachtung, großer Geduld und eben der Achtsamkeit.

Es geht immer darum, bewusst und achtsam wahrzunehmen, wie der Atem kommt und geht.

Eine Yoga-Praxis, die nicht achtsam ist, ist nicht Yoga, denn eine der Definitionen des Yoga lautet wie bereits erwähnt: Yoga ist bewusstes Tun. Wenn wir uns also routiniert am Morgen durch eine Asana-Reihe bewegen und dabei schon unseren Tag planen, machen wir nicht Yoga. Die Erfahrung zeigt außerdem, dass immer dann, wenn es in der Asana- und Atem-Übungspraxis an Achtsamkeit fehlt, die Verletzungsgefahr steigt. Nicht umsonst vergleicht der wichtigste Quellentext des Hatha-Yoga die Kraft unseres Atems mit wilden Tieren – Löwe, Tiger und Elefant, die nur mit größter Achtsamkeit, Geduld und Liebe zu zähmen sind.

Den meisten Menschen fällt es nicht nur beim Yoga, sondern ganz generell sehr schwer, achtsam zu bleiben, wenn etwas schnell geht und wenn sie sich bei dem, was sie tun, entweder beeilen müssen oder sie sonst irgendwie unter Druck stehen, weil sie eine bestimmte Haltung können wollen, weil sie den Atem besonders lange halten wollen oder weil sie sich zwingen wollen, endlich Ruhe im Geist zu bekommen. Hast, Eile, Zerstreutheit, Abgelenktheit, Oberflächlichkeit sind auf jeden Fall immer Feinde der Achtsamkeit.

Achtsamkeit bedeutet eine bewusste und nicht wertende Wahrnehmung dessen, was gerade jetzt geschieht, also was wir jetzt gerade machen und was wir denken und fühlen. Das heißt, wir nehmen aktiv und innerlich ausgerichtet wahr, was gerade los ist. Dadurch werden verschiedene neuronale Netzwerke im Gehirn aktiviert, unter anderem solche, die zuständig sind für Aufmerksamkeit, Körperbewusstsein oder den sozialen Kontext. Eine achtsame Yoga-Praxis kann deshalb in einem bedeutenden Maß die Erfahrung unseres Selbst in alltäglichen Situationen verbessern. Wir merken dann schnell, wenn wir in einer ungünstigen Körperhaltung sitzen, gerade bei einem unangenehmen Telefonat wieder die Schultern hochziehen oder bei Termindruck dauernd die Zähne zusammenbeißen – und können dann Gegenmaßnahmen einleiten oder sogar proaktiv werden. Das ist Salutogenese im besten Sinn.
Wenn wir einüben, dass diese Wahrnehmung nicht wie sonst automatisch wertend ist, dann bedingt das auf Dauer, dass wir nicht mehr so reflexartig auf Menschen oder Situationen reagieren, die wir ablehnen, weil sie uns irritieren, ärgern, ängstigen, oder die uns anziehen, weil sie uns angenehme Gefühle zu versprechen scheinen.
Das hat weitreichende Folgen für den Umgang mit all dem, was wir im Alltag als Stressoren empfinden.

Ein eigenes gutes Körperbewusstsein ist immer auch die Grundlage des Mitgefühls.

In einer achtsamen Übungspraxis können wir lernen, sehr genau zu spüren, wie einfühlsam, fordernd, streng oder auch lasch wir mit uns selbst umgehen. Dadurch können wir uns erst einmal bewusstwerden, welches Verhältnis wir zu unserem Körper-Sein haben: Betrachten wir ihn eher wie etwas, das gefälligst – immer – zu funktionieren hat, und werden wir ärgerlich, wenn der Körper nicht so will wie der Kopf? Oder sehen wir den Körper als ein Wunderwerk, das uns die Natur anvertraut hat, damit wir immer angemessen, pfleglich und liebevoll in ihm leben?
Wir können lernen zu spüren, wann im Körper Anspannung auftaucht, wie dieser Zustand in aller Regel durch unser Denken oder Fühlen entsteht und wie wir die Anspannung wieder auflösen können. Wir werden erkennen, in welchen Bereichen unseres Körpers die Anspannung bevorzugt auftritt und auf welche Situationen wir mit welcher Anspannung reagieren.
Wir können lernen zu erkennen, wie wir stehen, sitzen, uns drehen, uns nach vorne und hinten beugen und was unsere besonderen Eigenarten dabei sind. In einer achtsamen Yoga-Praxis lernen wir dann durch sanfte Korrekturen und die Prinzipien des Alignments, die Asanas so zu üben, dass sie anatomisch korrekt sind und wir uns durch das Üben keinen Schaden zufügen.
Wenn wir Atemachtsamkeit üben, können wir lernen zu erkennen, in welchen Situationen oder bei welchen Gedanken beziehungsweise Stimmungen unser Atem in Bedrängnis kommt – und was ihm hilft, damit er wieder frei fließen kann. Das ist vor allem für die Gesunderhaltung unseres Körpers wichtig. Es bewirkt aber auch, dass unsere Körperhaltung und unsere Bewegungen ausgeglichener und anmutiger werden.
Dazu kommt noch: Wer seinen eigenen Körper gut spürt, ist wesentlich einfühlsamer und mitfühlender, denn um sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, braucht man unbedingt selbst ein gutes Körpergefühl. Damit ist das eigene gute Körperbewusstsein immer auch die Grundlage des Mitgefühls.

 

Anna Trökes ist eine der renommiertesten Yoga-Lehrerinnen Deutschlands. Seit 1974 unterrichtet sie Yoga und ist Autorin zahlreicher Bücher.

 

 

Tipp zur Vertiefung:
Anna Trökes, Yoga der Achtsamkeit, Audio-CD, Herder Verlag, 2017

 

 

 

 

 

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