Achtsamkeit

Depression, Angststörungen, Sucht und andere Krankheiten können durch eine achtsame Haltung behandelt werden. Dabei gilt es jedoch einiges zu berücksichtigen.

Achtsamkeit und Meditation
‚Meditation‘ ist kein geschützter Begriff. Manche verstehen ein ausführliches Spüren des Körpers bereits als Meditation, andere, wie auch ich, erst eine Praxis, die Teil einer spirituellen Suche ist. Die Achtsamkeitspraxis wurde traditionell vor allem spirituell ausgelegt. Sie wird zunehmend aber auch zu therapeutischen und präventiven Zwecken eingesetzt. So wie man richtig oder falsch meditieren kann, je nachdem, welche spirituellen Erfahrungen man sucht, kann man auch bestimmte gesundheitliche Ziele mit Achtsamkeitsübungen erreichen oder verfehlen. Eine allgemein akzeptierte Definition von Achtsamkeit ist folgende: Achtsamkeit ist eine Haltung des wachen, absichtslosen, offenen, akzeptierenden Verweilens in der Gegenwart. Entscheidend für diese Haltung ist, dass wir mit ihr durchaus viele Ziele wie Glück, Gesundheit oder spirituelle Erfahrungen verbinden können, in ihr aber einfach ‚mit‘ dem sind, was gerade ist. In der Haltung der Achtsamkeit verzichten wir auf gezielte Veränderungen. Ein ‚Geschehenlassen‘ der gegenwärtigen Prozesse gehört zur Achtsamkeit, und Bewertungen sollten zunächst zugunsten einer genaueren Wahrnehmung und Beschreibung überschritten werden, um dann zu einer angemesseneren Bewertung zurückzukehren. Dadurch gewinnt die Gegenwart an Bedeutung. Die Achtsamkeitspraxis schult die Fähigkeit zur Lenkung der Aufmerksamkeit.

Achtsamkeit muss im Alltag Platz finden bei dem, was wir ohnehin tun.

Fokussiert und weit praktiziert kann die Achtsamkeit auf äußere Objekte, Tätigkeiten, mentale Prozesse und Körperempfindungen gerichtet werden. ‚Weite Achtsamkeit‘, oft auch ‚Gewahrsein‘ genannt, ist die Praxis, in der die Aufmerksamkeit frei, nicht haftend, anstrengungslos zwischen allen Elementen einer Situation wandert – also zwischen äußeren Eindrücken, Gedanken, Körperempfindungen oder einzelnen Sinneswahrnehmungen. Achtsamkeit kann sich nach innen auf mentale Prozesse oder Körperempfindungen richten, aber auch nach außen auf Menschen und Dinge und auf die Natur. Ist sie auf das Beziehungsgeschehen zwischen Menschen oder Mensch und Natur gerichtet, wird sie ‚relationale Achtsamkeit‘ genannt. In diesen inhaltlichen Orientierungen unterscheiden sich die Konzepte, wobei therapeutische Gründe ebenso eine Rolle spielen wie spirituell-philosophische.
Die Bandbreite in der Übungspraxis reicht von einem sehr strukturierten, disziplinierten bis zu einem spielerischen, experimentellen, individualisierten Vorgehen, von einer distanzierten Beobachtung zu einem intensiveren Spüren und einer lebendigen Teilnahme an der Situation. Die Unterschiede betreffen den Umgang mit dem Körper und die Verwendung von Musik, Bewegung, Natur und Kommunikation. Einigkeit herrscht in der Würdigung der informellen Achtsamkeit, das heißt, Achtsamkeit muss im Alltag Platz finden bei dem, was wir ohnehin tun. Sie sollte den Rahmen künstlicher Übungen und Settings verlassen können.

Gesundheitliche Ziele von Achtsamkeit
Angenommen, ein Mensch hat das Gefühl, vom Leben abgeschnitten zu sein. Er ist in Situationen, in denen er sich eigentlich freuen oder lebendig fühlen könnte, teilnahmslos und empfindungslos. Für ihn ist es sicher nicht ausreichend, wenn Therapeuten ihm empfehlen, die Augen zu schließen und seinen Atem zu beobachten. Dieser Vorschlag wird ihm zwar helfen, das Grübeln zu unterbrechen und in der Gegenwart anzukommen, aber ihm wurde damit noch keine Chance eröffnet, die Achtsamkeit auch auf die Situation anzuwenden, in der er sich befindet. Besser ist es, seine Lage genauer wahrzunehmen und eine Resonanz auf äußere Ereignisse und andere Menschen zu entwickeln, mit ihnen mitzuschwingen und Ereignisse zu Erlebnissen werden zu lassen. Wenn jemand depressiv ist, braucht er keine weiteren unangenehmen Erfahrungen, an denen er seine Achtsamkeit schulen kann. Süchtige Menschen, die Frustration vermeiden, brauchen das aber sehr wohl. Wenn jemand zu Konfusion neigt, hilft ihm fokussierte Achtsamkeit mehr als weite. Ist ein Mensch dagegen auf bestimmte Themen und Ängste fixiert, ist es umgekehrt. Wenn jemand einen schwachen Realitätsbezug hat, Situationen verkennt oder zu vorschnellen Deutungen neigt, so ist ihm sicher nicht ausreichend geholfen, wenn ihm der Achtsamkeitstrainer vorschlägt, seinen Körper besser wahrzunehmen oder seine Gedanken zu beobachten. Es ist für ihn ebenso wichtig, dass er lernt, die Umgebung sein zu lassen, wie sie ist, und sie weder praktisch noch kognitiv vorschnell unter seine Kontrolle zu bringen. Er soll also lernen, sie genauer wahrzunehmen und zu beschreiben. Dazu gehört auch, dass jeder Übende sich bewusst wird, dass seine Wahrnehmungs- und Denkmuster stets auch einen eigenen konstruktiven Anteil haben, dass diese Konstruktionen unangemessen sein können und dass er sie dekonstruieren, das heißt verändern kann. Wenn jemand dazu neigt, Beziehungen sehr konfliktreich zu gestalten, oder es ihm an Empathie mangelt, so ist es gut, mit ihm achtsame Kommunikation zu üben. Auch wenn am Ende immer das Ziel einer umfassenden Achtsamkeit steht, sollte die therapeutische oder beratende Arbeit mit Achtsamkeit an den therapeutischen Notwendigkeiten ausgerichtet werden.

Wenn jemand depressiv ist, braucht er keine weiteren unangenehmen Erfahrungen, an denen er seine Achtsamkeit schulen kann.


Es ist nicht möglich, achtsamkeitsbasierte Therapieprogramme für spezifische Diagnosen, wie beispielsweise unterschiedliche Formen von Depression, Psychose oder Sucht, zu entwickeln. Dafür ist die Haltung der Achtsamkeit zu unspezifisch. Sie zielt therapeutisch auf wiederkehrende Beschwerdemuster und die in ihnen verborgenen krankheitsverursachenden Haltungen. Achtsamkeitsbasierte Therapie unterscheidet sich von den allermeisten therapeutischen Ansätzen dadurch, dass sie nicht die konkreten Probleme und Konflikte des Patienten bearbeitet, sondern auf die Ebene der Lebensweise und der Lebenseinstellung wechselt. Wie nimmt der Patient wahr, wie denkt er, wie geht er mit seinen Gefühlen, seinem Körper, anderen Menschen, Dingen um? Insofern ist die achtsamkeitsbasierte Therapie eine Form existenzieller Therapie. Immer dann, wenn in einer psychischen Erkrankung die Lebensweise eine wichtige Rolle spielt, also eher bei dauerhaften Erkrankungen, häufigen Wiedererkrankungen oder Gesundheitsgefährdungen, greift dieser Ansatz. Therapeuten können zum Beispiel die Haltung der Sucht behandeln, da die Haltung der Sucht der Haltung der Achtsamkeit widerspricht. Es wird dabei nicht zwischen einer substanzgebundenen, einer Spiel- oder Beziehungssucht unterschieden. Ebenso können Therapeuten den Suchtaspekt von Essstörungen behandeln oder die undifferenzierte Wahrnehmung von Gefühlen oder Beziehungspartnern im Rahmen von Borderline-Störungen. Soweit trägt die Haltung der Achtsamkeit, und das mag für viele Patienten wesentlich und sogar ausreichend sein. In anderen Fällen ist es aber sinnvoll, die Arbeit mit Achtsamkeit zu erweitern und sie in umfassendere Programme oder andere Verfahren zu integrieren. So wird häufig ein achtsamkeitsbasiertes Gruppenprogramm mit einer Einzeltherapie kombiniert, die aufdeckend oder aktiv verändernd vorgeht. All das hängt von den Möglichkeiten vor Ort ab. Achtsamkeit wird häufig in zeitlich begrenzten Gruppenprogrammen von ungefähr acht bis zwölf wöchentlichen Sitzungen vermittelt.

Achtsamkeit bei verschiedenen Krankheitsbildern
Je nach Symptom können unterschiedliche Formen der Achtsamkeitspraxis sinnvoll und therapeutisch wirksam sein. Hier eine kurze Übersicht:

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Unerwünschte Wirkungen
Um unerwünschte Wirkungen zu vermeiden, hilft es, sich nicht an den Krankheitsbildern, sondern an der psychischen Stabilität zu orientieren. Sie zeigt die Fähigkeit, nach einer Belastung wieder in ein seelisches Gleichgewicht und eine Alltagstüchtigkeit zurückzukehren, an.

In zwei Fällen sollte auf die Arbeit mit Achtsamkeit unbedingt verzichtet werden:
1. Achtsamkeit, um Handlungen, aktive Veränderungen oder Konflikte zu vermeiden. Achtsamkeit kann dazu eingesetzt werden, schwierige Lebenssituationen bloß ‚auszuhalten‘, anstatt sie aktiv zu verändern. Als Faustregel gilt: Wenn eine Situation aus therapeutischen, moralischen oder anderen sinnvollen Gründen verändert werden sollte und verändert werden kann, ist Achtsamkeit als vordergründige Haltung oder therapeutisches Vorgehen nicht angebracht. Im Hintergrund kann sie aber weiter eine Rolle spielen. Patienten, die abhängig, vermeidend, selbstunsicher, ängstlich oder konfliktscheu sind, die schnell in eine Opferrolle gehen oder zu moralischem Triumph und Krankheitsgewinn neigen, sind für diese Fehlentwicklung besonders anfällig.
2. Achtsamkeit kann für eine distanzierte, unbeteiligte, emotionsarme Haltung missbraucht werden: Alles prallt im Sinne einer ‚Teflonmeditation‘ an dem Achtsamkeitspraktiker ab; er fühlt sich stets gleichmütig, überlegen, quasi einer anderen Welt oder Elite zugehörig oder auch erleuchtet. Oft wird dabei ein ‚spiritueller Heroismus‘ vertreten, bei dem lange, umständliche, leidvolle Wege zur Achtsamkeit besonders gewürdigt werden. Achtsamkeit ist aber eine strikt additive Haltung. Sie sollte zu den üblichen Gefühlen hinzukommen und diese mit ihrer eigenen Gefühlsqualität von Ruhe, Gelassenheit, Leichtigkeit, Heiterkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Daseinsfreude einfärben. Wenn wir zu Gefühlen und Bewertungen nicht mehr in der Lage sind, verlieren wir unsere Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit ebenso wie unsere moralischen Fähigkeiten. Vor allem Menschen mit übermäßigen narzisstischen, schizoiden oder autistischen Zügen neigen zu einem solchen Missbrauch der Achtsamkeit. Leider werden sie auch von manchen spirituellen Konzepten darin bestärkt.

Wenn jemand dazu neigt, Beziehungen sehr konfliktreich zu gestalten oder es ihm an Empathie mangelt, so ist es gut, mit ihm achtsame Kommunikation zu üben.


Manche Übungen sind bei bestimmten therapeutischen Herausforderungen ungeeignet. Trotz dieser Warnungen möchte ich aber betonen, dass die Arbeit mit Achtsamkeit nebenwirkungsarm ist. Sie erfordert ein klares Konzept, ausreichende Erfahrung des Therapeuten mit dem Krankheitsbild und der Achtsamkeitspraxis und vor allem Einsicht und Motivation des Patienten. Auch wenn Achtsamkeitsübungen weder anstrengend noch schwierig sind, ist es doch erforderlich, dass die Patienten sich Wochen, Monate, besser ein Leben lang um diese Haltung bemühen. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für die Therapeutin oder den Berater. Die Motivation des Patienten ist die wesentliche Hürde. Andere Therapieformen und das übliche einzeltherapeutische Setting stellen oft geringere Anforderungen an die Selbstverantwortlichkeit des Patienten und bieten mehr Verständnis, Unterstützung und Bindung. Zudem besteht die Gefahr, dass die Achtsamkeitspraxis nach einigen Wochen und Monaten therapeutischer Unterstützung im Gegenwind des Alltags zusammenfällt.

Manche Achtsamkeitsübungen haben von sich aus ein starkes spirituelles Erlebnispotenzial.


Die allermeisten Menschen, die auf der Suche nach Heilung, Stabilisierung oder Prävention einer psychischen Erkrankung auf achtsamkeitsbasierte Ansätze stoßen, sind nicht gleichzeitig auf einer spirituellen Suche. Auf der Seite der Therapeutinnen und Berater sieht das anders aus. Sie interessieren sich meist auch für die spirituellen Aspekte, Sinnfragen oder ethischen und moralischen Konsequenzen einer achtsamen Haltung. Es ist eine komplexe Frage, inwieweit sie aktiv in die Therapie oder Beratung eingebracht werden sollten. Dies wird nach meinem Wissen sehr unterschiedlich, aber eher zurückhaltend gehandhabt. Andererseits schlägt der spirituelle Hintergrund der Achtsamkeitspraxis immer mal wieder in das Erleben durch. Manche Achtsamkeitsübungen haben von sich aus ein starkes spirituelles Erlebnispotenzial. Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für längere Übungen, für die Achtsamkeitspraxis in der Natur und für überraschende Einladungen zu informeller Achtsamkeit, wenn sie also spontan und nicht in spezifischen Übungen angewandt wird. Ich plädiere sehr dafür, diesen im engeren Sinne meditativen Aspekt der therapeutischen und beratenden Arbeit aufzugreifen und zu besprechen. Vermutlich hat die spirituelle Dimension der Achtsamkeit einen eigenen therapeutischen Wert. Und wenn nicht, so können wir dennoch das Erscheinen dieser Dimension als ein Geschenk des Daseins, das uns oft genug beängstigt und beschwert, mit Freude annehmen und manchmal sogar teilen.

Michael Huppertz, Dr. phil., Dipl. Soz., Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Studium der Soziologie, Philosophie und Medizin. Verschiedene psychotherapeutische Ausbildungen, seit 1997 Arbeit mit achtsamkeitsbasierter Psychotherapie. Mehr unter www.mihuppertz.de
 
Tipp zur Vertiefung:
Michael Huppertz, Achtsamkeitsübungen. Experimente mit einem anderen Lebensgefühl, Junfermann 2015.
 
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Kommentare   

# Silvia 2016-09-07 08:05
Bitte die Liste der krankheitsbilder größer machen, kann man leider nicht lesen! :(
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