Achtsamkeit

Wie man Meditation und Achtsamkeit üben kann. Wie man dadurch Stress und Lügen überwinden kann. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Unter Stress versteht man eine körperliche Reaktion auf übergroße Belastung. Stress kann unangenehm (Disstress) und angenehm (Eustress) sein. Die meisten Menschen sind der Ansicht, ein Leben ohne Stress sei nicht denkbar.

 

Der Experte Louis Lewitan drückt das in seinem Buch ‚Die Kunst, gelassen zu bleiben' so aus: „Aus dem Stress-Zyklus zwischen Eu- und Disstress gibt es kein Entrinnen." In den Weisheitslehren des Ostens, insbesondere in der Lehre des Buddha, wird das anders gesehen. Ein Leben in Gelassenheit, ja mehr noch, in dauerhaftem Gleichmut, sei erstrebenswert und möglich. Ein Widerspruch? Nicht wirklich, wenn man das Thema differenzierter betrachtet. Entweder-oder-Antworten treffen selten den Kern der Sache. Die Ansicht, dass es aus dem Stress kein Entrinnen gäbe, kommt aus der eigenen Erfahrung und wird durch wissenschaftliche Beobachtungen heute lebender Menschen gestützt – und ist aus dieser Sicht auch richtig. Schauen wir auf den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, gelangen wir vermutlich zum gleichen Ergebnis. Es scheint kein Entrinnen zu geben!

 

Wieso lehrt der Buddha andererseits die Möglichkeit dauerhafter Gelassenheit? Er beruft sich ebenfalls auf die Erfahrung, hat aber offensichtlich eine andere gemacht. Ein unveränderliches Ich, das Stress haben könnte, erkennt er als Illusion. Sein Ziel richtet sich auch nicht auf Stressfreiheit, sondern auf das Freisein vom Leiden. Die Ursache des Leidens ist seiner Erkenntnis nach unser permanentes Wollen und Nicht-Wollen, also die Identifikation mit dem, was wir tun. Man kann aber auch tun, also handeln, ohne – ichhaft – zu wollen. Im Tao nennt man dies das Nicht-Tun – im Gegensatz zum Nichts-Tun – und versteht darunter ein absichtsloses Handeln. Ob wir also den Zustand dauerhafter Gleichmütigkeit zu erreichen vermögen, ist von uns, die wir nicht so weit sind, kaum zu beantworten. Der Buddha behauptet es und es scheint ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Stressbewältigung, Leidfreiheit, Frohsinn und Gelassenheit lassen sich üben. Man muss dafür kein Zen-Meister oder Lama sein. Jeder Mensch kann grundsätzlich alles lernen. Man muss es nur wollen, es dann auch durchführen und gewisse Voraussetzungen wird man wohl auch mitbringen müssen. Grundsätzlich kann jeder Mensch singen lernen, so gut wie Placido Domingo kann trotzdem nicht jeder sein. Meines Erachtens ist eine derartige Übung für jeden gut, nicht nur für den Durchschnittsmenschen, auch für selbstbewusste, reife und erfolgreiche Persönlichkeiten, Wirtschaftsbosse, Staatspräsidenten und Nobelpreisträger. Sie alle haben persönliche Defizite, sind aufgeregt und immer wieder empfinden sie Stress.

 

Wie sieht nun die vom Buddha empfohlene Übung aus?

Sie umfasst drei Bereiche. Der erste besteht im Wissen um die großen Zusammenhänge, es dreht sich dabei um die Tatsachen des Lebens. Psychologie und Naturwissenschaften gehören ebenso dazu wie alles, was weise Menschen darüber erfahren und mitgeteilt haben. Dieses Wissen kann man sich durch Lesen und Hören erwerben, doch erst durch Überprüfung des Gelesenen wird es zur eigenen Erfahrung. Wenn wir der Ansicht sind, Stress sei unabänderlich mit uns verbunden, jedoch in buddhistischen Schriften lesen wir dann, ‚Gleichmut in allen Lebenslagen sei erlernbar', so können wir das auch ausprobieren und überprüfen. Vermutlich werden wir uns viele Jahre mit dem Thema auseinandersetzen müssen und erst spät, vielleicht im Sterben, lässt sich diese Frage beantworten. Es wird von uns und unserer Entwicklung abhängen, so wie immer alles von uns selbst abhängt. Niemand kann uns stressfrei machen, das können wir nur selber. Der Stress bin immer ich. Der Stress kommt nie von außen. Das tut er nur scheinbar. Natürlich sagen wir: „Mein Arbeitsplatz ist total stressig, mein Chef, meine Lebensumstände, meine Kinder." Aber das ist falsch. Stress machen wir uns zu 100 Prozent selbst. Diese Behauptung wird nicht jeder teilen, doch sogar wer sie überprüft und als richtig akzeptiert hat, wird erkennen müssen: Diese Erkenntnis allein ist noch nicht die Lösung. Denn die Eigenschaften, die wir haben, beispielsweise Zwanghaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Ängstlichkeit, Sorgenmacherei, werden wir nicht ohne weiteres los. Dazu benötigt es ein gehöriges Maß an Bewusstheit und Achtsamkeit. Beides kann geübt werden. Das ist oft anstrengend und stellt das zweite Gebiet dar, mit dem wir uns beschäftigen müssen: mit der Übung. Psychotherapie und Coaching gehören dazu, Achtsamkeitsmethoden, Yoga, Tai-Chi oder genaues Zuhören (deep listening) sind hilfreich, eine besonders wirksame, aber nicht ganz einfache Methode ist die Einsichtsmeditation. Sie erfolgt stufenweise. Ihre Anfangsphase kann man so beschreiben:

 

Man sitzt und atmet. Man beobachtet den Atem. Das wird langweilig. Im Geist tauchen Probleme auf. Es sind immer wieder die gleichen Probleme. Zum Beispiel die Gedanken an meine Frau: Wenn wir Gäste haben, macht sie mich immer herunter. Ich ärgere mich. Ich sitze weiter, beobachte wieder den Atem. Andere Gedanken steigen auf – und dann wieder jene an meine Frau. Wieder Ärger. Plötzlich eine erste Einsicht. Wieso ärgere ich mich hier, ganz allein am Sitzkissen, über sie? Sie ist doch überhaupt nicht da. Ist es etwa gar nicht sie, die mich ärgert, sondern bin ich der, der ich mich über sie ärgere? Nehme ich sie nur zum Anlass, um mich zu ärgern? Hat das alles viel mehr mit mir zu tun als mit ihr? Kommt mein Ärger daher, dass sie nicht das tut, was ich möchte? Wenn wir Gäste haben, hätte ich gerne, dass sie netter von mir spricht. Kaum stelle ich mir diese Situation vor, fühle ich mich schon wohler. Diese Gedanken sind mir angenehm. Ich bin ganz ruhig. Aha, wenn geschieht, was ich möchte, bin ich ruhig und gelassen.

 

Nach einer Woche ist der Kurs zu Ende, ich bin merklich ruhiger als bei meiner Ankunft. Bin ich in der Lage, meine Erkenntnisse zu Hause zu überprüfen? Meine Frau macht mich vor den Freunden gar nicht schlecht, aber sie wirft mir vor, ich hätte ihr Handtuch aus dem Bad genommen. Darauf war ich nicht vorbereitet, schon wieder ist mein Ärger da. Ich möchte es ihr mit gleicher Münze heimzahlen. Weil ich aber von der langen Übung im Seminar recht achtsam bin, ist mir der Ärger schon während des Entstehens bewusst. Im Seminar habe ich gelernt, meinen Ärger zu beobachten, ohne ihn ausleben zu müssen. Ich gehe in mein Zimmer. Ich bleibe sitzen. Immer noch rumort es in mir. Ich bin wirklich wütend. Wie kommt sie dazu, mich so anzugreifen, ist es nicht sie, die ständig meine Sachen nimmt? Trotz der Wut im Bauch, trotz der Tendenz, aufstehen und schreien zu wollen, bleibe ich sitzen. Es ist sehr schwer. Mein Ärger führt dazu, dass mir beinahe übel wird. Allmählich schwindet er allerdings. Wie angenehm! Ich bin ihn losgeworden, ohne mich an meiner Frau abzureagieren, also ohne das übliche Verhaltensmuster. Das fühlt sich gut an, es macht mich unabhängig und frei. Hätte ich meine Frau angeschrien, wäre ich den Ärger auch losgeworden. Jetzt würde sie ihn aber haben und über kurz oder lang bekäme ich ihn wohl zurück. Ich übe diese und ähnliche Situationen immer wieder. Allmählich wird es in mir ruhiger. Die Ehe macht mehr Freude, weniger Aufregung bringt mehr Energie, auch für die Übung.

 

Dieses Beispiel mag banal klingen, doch der Großteil unserer Probleme spielt sich auf diesem Niveau ab. Es sind Themen der psychologischen Ebene. Psychotherapie hätte vielleicht die gleichen Resultate gebracht. Die Methodik der Einsichtsmeditation ist eine andere. Auch hier verwendet man Analysepraktiken, noch mehr versucht man aber, einfach zu beobachten, was ist, ohne das Beobachtete zu bewerten. Es ist eine Reise ins eigene Innere, sie kann sehr spannend sein und sie ist neu. Im täglichen Leben war unsere Aufmerksamkeit immer nach außen gerichtet. Das innere Erleben ist natürlich nicht immer so unbedeutend, wie ich es oben beschrieben habe. Die dunklen Seiten in uns sind oft viel dämonenhafter und sie lassen sich in der Meditation auf dem Sitzkissen gut beobachten – vorausgesetzt, man harrt dort lange genug aus. Häufig kämpft das Ich gegen neue Einsichten und Erkenntnisse an, besonders dann, wenn man dabei selbst nicht gut wegkommt. Ängste und Panik können entstehen, Müdigkeit in der Meditation, Ärger auf den Lehrer – bis hin zu bizarren und unlogischen Gedanken und inneren Bildern. Erst allmählich stellt sich immer öfter Ruhe in der Meditation und danach im Leben ein.

 

Die Lösung der psychologischen Probleme ist allerdings zu wenig. Wirklich ruhig wird es erst, wenn die Themen der Ich-Ebene gelöst sind und es um die Lösung vom eigenen Ich geht. Das kann noch viel dramatischer sein. In vielen Meditationsbeschreibungen kommt der ganz große Durchbruch nach der ‚langen dunklen Nacht'. Es kann also genauso schwer sein wie das Lernen, das wir aus dem Leben selbst kennen. Besonders dramatische Ereignisse, große Verluste, schwere Erkrankungen oder Unfälle können ebenfalls dazu führen, ruhiger zu werden, wenn es gelingt, sie zu akzeptieren. Solche Geschehnisse können wir nicht beeinflussen, sie passieren uns, fallen uns zu, wir können daran ‚zerbrechen', an ihnen ‚abstumpfen', aber auch wachsen und reifen. Die ‚Übung' der Meditation kann genauso schwer sein wie der Prozess selbst, den wir nach schweren Schicksalsschlägen durchleben. Das ist wichtig zu erwähnen, weil die Meinung, Meditation sei einfach, öfters zu hören ist. Für ein Wochenende mit etwas Ruhemeditation bei Kerzenschein und angenehmer Musik stimmt das sicher. ‚Einsichtsmeditation' ist aber grundsätzlich etwas anderes und viel komplizierter. Sie kann sogar über einen gewissen Zeitraum hinweg Stress, Unruhe und Ängste verstärken.

 

Das dritte und letzte Gebiet ist ein ethisches Leben. Wer eine ethische Haltung dauerhaft vermeidet, wird aus dem Stress- und Leidenskarussell nicht aussteigen können. Ethik ist ein weites Feld – eine beinahe alltägliche Erfahrung stellt für viele Menschen das Lügen dar – und wer lügt hat Stress. Auch hier gibt es westliche Wissenschaftler, die andere Ansichten vertreten. Peter Stiegnitz, Soziologe und Lügenforscher, schreibt im KURIER vom 6. Oktober: „Ohne Lügen könnten wir gar nicht überleben." Das mag seiner Erfahrung entsprechen. Ich denke, wer lügt, tut dies aus Selbstschutz und aus Angst. Beides ist mit Gelassenheit und Gleichmut nicht kompatibel. Aber wie einleitend zum Bereich Stress ausgeführt, kann man auch das Thema Lügen nicht als eine ‚Entweder-oder-Entscheidung' betrachten. Solange wir das Lügen als anständig oder unanständig bewerten, landen wir immer wieder im Rechtfertigungs- und Erklärungsdilemma. Stressverursacher ist hier die Bewertung selbst. Stiegnitz schreibt als Rechtfertigung seiner ‚Lügen-ist-gut-These', er habe als Jüngling einem Nazi gegenüber verneint, dass er jüdisch sei und sich so vor dem Konzentrationslager retten können. Deshalb findet er Lügen gut und richtig. Das war in dieser einen Situation zweifelsohne zutreffend, doch man könnte in seinem Fall sagen, er habe gar nicht gelogen, sondern sein Leben gerettet. Beim alltäglichen Lügen geht es um etwas ganz anderes: Handelt es sich, wie bei Stiegnitz, um eine aufgezwungene Notlüge oder lüge ich aus selbstsüchtigen Gründen, aus Angst, aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein, aus Gedankenlosigkeit und Feigheit? Aus den letztgenannten Gründen werden Lügen niemals froh und gelassen machen. Mit der existenzbedrohenden Situation in einer Diktatur ist das nicht vergleichbar. In friedlichen Zeiten als freier Bürger eines Rechtsstaates kann auf das Lügen verzichtet werden, vor allem dann, wenn wir gelassen und stressfrei leben möchten.

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2016-02-22 19:49
Hallo Herr Riedl,
ich möchte Sie für Ihre Darstellung, wie man
Meditation und Achtsamkeit verständlich und
und pragmatisch üben kann, um weniger unter Disstress leiden zu müssen, meine
Anerkennung und ein großes Lob aussprech-en.
Mit freundlichen aberglaubensfreien
buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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# Mirjam Karma 2016-08-09 10:03
Sehr guter Beitrag! Auch für nicht Buddhisten
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